Challenge Roth 2012 – Meine erste Langdistanz

Challenge Roth 2012

– oder wie ich den grünen Gürtel im Triathlon bekommen habe 

6:27 in der Wechselzone am Main Donau Kanal. Die Profis sind bereits im Wasser und gleich fällt der Startschuss zur berühmten Challenge Roth. Für mich dauert es noch fast eine ganze Stunde bis ich meine erste Langdistanz starte und ich bin so aufgeregt, wie noch nie zuvor. Die Stimmung ist unglaublich. Es fühlt sich an wie eine Mischung aus dem Film 300 und dem ersten Weihnachtsfest, an das man sich aus seiner Kindheit erinnert. Heroisch, voller Energie und emotional unendlich aufgeladen.

Ein paar Gedanken wiederholen sich in meinem Kopf wie ein Mantra: „Fang dir keinen Ellenbogen beim Start ein, verliere nicht deine Schwimmbrille, bitte keinen Platten auf der Radstrecke“ etc.…

BANG, der Startschuss fällt und die Profis machen sich auf die 3.8km lange Strecke.

Meine erste Reaktion: Los, schnell nochmal zum Rad, den Reifendruck kontrollieren. Dann nochmal aufs Dixie, Reifendruck kontrollieren, den Neo anziehen, Reifendruck kontrollieren, ein Gel nehmen, Reifendruck…die Aufregung steigt und die Zeit verfliegt. Ohne es zu merken befinde ich mich in einem gefühlten Augenblick ganz rechts außen im Feld und warte auf den Start.

Aber wie bin ich überhaupt hier gelandet?

2011 hatte ich die fixe Idee, bei einem Halbmarathon zu starten. Als ich mich dann nach ein paar Wochen Vorbereitung zum Berlin Halbmarathon anmelden wollte, war dieser allerdings schon ausgebucht. Schon so ca. 3 Monate…ehm…ja. Woher sollte ich denn wissen, dass sich so viele Leute für einen Halbmarathon in Berlin interessieren? Zu dieser Zeit war mir das noch recht schleierhaft. Andere Athleten sagen immer sie „kommen vom Schwimmen“, oder „vom Radfahren“. Ich kam eher vom…Feiern.

Aber jetzt hatte ich ja schon trainiert, mich darauf eingestellt über eine Ziellinie zu laufen und das wollte ich nun auch unbedingt.

Nach kurzer Onlinerecherche wurde mir klar, dass ein Halbmarathon in den nächsten Wochen in Berlin nicht stattfinden wird. Und auch sonst gab es nichts an sportlichen Wettkämpfen in meiner Nähe. Außer diesen einen Wettkampf, den Berlin Triathlon.

„Triathlon?! Warum eigentlich nicht?“

Dafür hatte ich noch knapp 5 Wochen Vorbereitungszeit. Ich konnte nicht Kraulen, hatte kein Rad (also wirklich einfach gar keins), aber gelaufen bin ich schon immer ein wenig. Also habe ich mich natürlich direkt zur Olympischen Distanz angemeldet. Macht man ja genau so. Im Karate startet man ja auch direkt mit dem grünen Gürtel….

Nachdem ich mir von einer Freundin ein Rad und einen Neoprenanzug geliehen – und mir das Kraulen durch YouTube Tutorials einigermaßen selbst beigebracht hatte, war ich bereit für meinen ersten Triathlon. Ich kam mit 2:48h ins Ziel, war müder als 10 Müde und habe gefühlt mehr Zeit in der Wechselzone verbracht, als auf der Strecke. Aber da war noch eine andere Sache, die mir nach dem ersten alkoholfreien Bier gleich aufgefallen ist: es hat einfach unfassbar viel Spaß gemacht. Und da ich das auf jeden Fall nochmal erleben wollte, meldete ich mich gleich danach zu meiner ersten Mitteldistanz (8 Wochen danach) an. Nach dem grünen Gürtel kommt ja auch direkt der Blaue….klarer Fall.

Blauäugig aber optimistisch, habe ich auch die Mitteldistanz gefinisht: In 5:04h (die Radstrecke war allerdings etwas kürzer als 90 Km). Und im Dezember war es dann soweit: „Ach, mal sehen ob ich bei der Nikolausaktion der Challenge Roth einen Startplatz für die Langdistanz bekomme. Klappt ja eh nicht“, dachte ich. Um 12:05 bekam ich dann die E-Mail mit der Startplatzzusage. Am Ende kommt eben immer der schwarze Gurt.

Und so stehe ich nun an der Startlinie, das Rad in der Wechselzone ist immer noch geliehen (ein Rennrad mit angeschraubten Aerobars) und der Neo hat am linken Bein einen Riss, den ich einige Tage vorher selbst genäht (!!) und zugeklebt hatte. Auf meinem Rad liegt ein Mountainbike Helm und die Aerobars habe ich nicht mit Lenkerband umwickelt. Diese 5 Minuten hätte ich mir mal nehmen sollen.

Ich schaue hoch zur berühmten Brücke, auf der eine wahnsinnige Menschenmasse steht, um die Athleten anzufeuern. Ich bekomme eine Gänsehaut (zum 100 Mal an diesem morgen) und…..

BOOM!

Die 3.8km schwimme ich in 1:12min. ohne große Zwischenfälle. Ich verliere meine Brille nicht, komme in kein Gerangel und überhole sogar einige Athleten. Und nun, Konzentration: Schwimmausstieg, Wechselbeutel mit meiner Nummer schnappen, bloß nicht den falschen Beutel greifen. Das Wechseln dauert bei mir etwas länger. Viel länger als geplant. Ich habe mich für die Variante „Badehose unter dem Neo“ entschieden und muss dementsprechend ALLES aus- und wieder komplett anziehen. Da kommen schon einmal fast 12 Minuten Wechselzeit zusammen…..man gönnt sich ja sonst nichts. Top Athleten laufen in dieser Zeit knapp 3.5km oder fahren mindestens 8km. Ich nicht. Ich schäle mich aus dem Neoprenanzug und ziehe meinen Zweiteiler mühsam über meinen noch nassen Körper. Das gestaltet sich fast schwieriger als die 3.8 geschwommenen Kilometer. Notiz an mich selbst: Die Badehosenvariante ist ab jetzt gestorben. Ist ja auch nicht so, als hätte mir früher niemand gesagt, dass das nicht gut gehen kann.

Geschafft! Weiter gehts. 

Die Helfer, von denen es an diesem Tag fast 5000 gibt, schmieren mich mit Sonnencreme ein und ich laufe zu meinem Rad. Helm auf, Brille auf. Ha! Gott sei dank, die Reifen sind nicht platt. Hinter die Startlinie und -Klick – Klick – los gehts auf die 180km.

Die Radstrecke in Roth ist, so wie der gesamte Wettkampf einfach bombastisch. 2 Runden zu je 90km mit insgesamt 1200hm sind zu bewältigen und es gibt eigentlich nur 2 nennenswerte Anstiege. Der Kalvarienberg in Greding und der Solarer Berg. Der Kalvarienberg, auch liebevoll der „Berg der Leiden“ genannt, ist schon eine ordentliche Kante und zeigt einem nach knapp 35km auf der Strecke erstmal, dass man hier ja immer noch in Bayern ist. Und nicht etwa in Berlin, wo ich im Voraus während einer längeren Ausfahrt bestimmt mal 180 Höhenmeter sammeln konnte :).

Die erste Runde verläuft verhältnismäßig gut und meine erste Fahrt auf den Solarer Berg, werde ich wohl wirklich nie wieder vergessen. Und ja, ich habe geheult.

Auf den letzten 70km fangen die Oberschenkel an zu zwicken und ich weiß genau was mir nun blüht. Was hilft nochmal gegen Krämpfe? Ach ja, Salztabletten? Die waren doch im Rucksack. Verdammt……! Danke Vergangenheits-Daniel für dieses tolle Erlebnis. Von Krämpfen gepeinigt erreiche ich die zweite Wechselzone mit einer reinen Radzeit von 6:20h und fühle mich wie ein Gummiball, der  schon recht viel Luft verloren hat, weil er einmal zu oft gegen die Wand geworfen wurde.

Aussteigen ist keine Option, jedenfalls noch nicht. Wenn ich die Laufschuhe anhabe, werde ich das Ding finishen. Das war ein Gedanke, den ich schon einige Tage zuvor innerlich manifestiert hatte. Ich schnappe meinen Wechselbeutel, ziehe mich etwas schneller um als vor etwas weniger als 8 Stunden und laufe los. 8 Stunden…..ich fange an zu rechnen und lasse es gleich nach den ersten Kilometern wieder bleiben. „Lieber nicht, mach dir das jetzt mal nicht kaputt. Genieße es! Es ist deine erste Langdistanz. Und rechnen kannst du jetzt eh nichtmehr.“

Den Halbmarathon laufe ich noch ganz gut in knapp 2 Stunden. Bei der Hitze an diesem Tag, voll in Ordnung. Ich laufe von einer Verpflegungsstation zur nächsten und motiviere mich innerlich immer wieder mit den Gedanken an kaltes Wasser, eine kurze Gehpause und einen neuen Schwamm.
Aber nachdem ich bei Kilometer 23 angekommen bin, verkloppt mich der Mann mit dem Hammer. Ja, er haut nicht kurz zu, er verkloppt mich nach allen Regeln der Kunst. Ich bekomme wieder Krämpfe in den Beinen und habe Schmerzen in…ach überall. Ein Glück treffe ich in diesem wirklich dunkelsten Moment des Tages Frank. Frank ist ab jetzt mein Partner in Crime und wir gehen von diesem Zeitpunkt an zusammen. Kilometer um Kilometer. Wir reden viel und bedanken uns ausgiebig bei allen Helfern und Supportern an der Strecke. Die Dämmerung setzt schon langsam ein, als wir den Zielkanal erreichen. Von diesem Zeitpunkt an laufe ich die letzten 400m bis zum Ziel. Ich kann kaum mehr klar denken, bin platt aber erleichtert. Und dann erwartet mich im Ziel eine Stimmung, die ich nun wirklich nicht mit Worten beschreiben kann. Geschafft!!! 13:20h, die bisher schönsten und härtesten Stunden überhaupt.

Ich habe damals meinen schwarzen Gürtel bekommen (mit Abzügen in der B-Note :)).

Und ja, ich konnte mich ein paar Tage danach nicht besonders gut bewegen (obwohl wir mit unserer Band Mega! Mega! gleich am Tag darauf ein Konzert als Vorband von The Kooks vor 3000 Leuten gespielt haben). Aber eine Sache war sicher: DAS will ich nochmal machen! Aber schneller! 2013!

Dieses Rennen hat mich so sehr geprägt, dass ich 2019 nun zum 8ten Mal an der Startlinie in Roth stehe und insgesamt meine 10. Langdistanz machen werde.

In Roth heißt es nicht umsonst: „Welcome to the home of Triathlon“.

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